„Digitale Souveränität“ - Europa stärken ohne Schwarz-weiß-Diskussionen

Cloud - KI - OSS - Europa braucht ergänzend zu den Lösungen aus nicht europäischen Ländern mehr eigene Optionen. Die Zeit für einen „europäischen Hyperscaler“ ist vielleicht nicht mehr da oder noch nicht da. Unabhängig davon würde es auch mit mehreren großen Anbietern gehen, die etwas mehr zusammen arbeiten, obwohl sie am Markt als Konkurrenten auftreten. Denn noch immer sind die Umsätze und damit die Ressourcen die eingesetzt werden können ungleich verteilt. AWS hat einen Cloud-Umsatz von mehr als 100 Mrd. Euro, Alibaba aus China von mehr als 10 Mrd. Euro und OVH, ein großer französischer Anbieter hat im letzten Jahr erstmalig die Grenze von 1 Milliarde Euro überschritten. Was können wir tun, bei einem Größenverhältinis von 100:10:1?


Cloud und KI und OSS als Treiber von Innovation, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit sind zunehmend von größerer Bedeutung für Europa im geopolitischen Kontext.

Herausforderungen & Balanceakt: Abhängigkeit von US-Lösungen bleibt bestehen und kann ggf. weiter zunehmen, wenn nicht mehr gegengesteuert wird. Dabei geht es nicht um einen vollständigen Verzicht. Wir müssen alles Lösungen nutzen können, aber nicht nutzen müssen.

Wie schaffen wir gezielt europäische Optionen (IaaS, PaaS, SaaS) und nutzen diese auch mehr? Was können die Kunden machen, was die Anbieter, welche Bedeutung hat der Staat, welche Bedeutung können große Industrieunternehmen haben, die heute noch vermehrt als Konsumenten der IT auftreten?

Europäische Anbieter bieten bereits heute Automatisierung, Sicherheit, Skalierbarkeit – wenn auch noch etwas weniger „Fancy-Lösungen“, müssen allerdings weitere Lösungen anbieten, da der Eigenaufwand der Kunden sonst zu hoch ist. Gleichzeitig ist festzuhalten: Lösungen die bereits da sind werden noch zu wenig nachgefragt, damit fehlen den Anbietern Ressourcen, um schneller weitere Lösungen zu entwickeln und für die Kunden bereitzustellen. Es liegt an uns, das zu ändern.

Wir nähern uns mehr und mehr einem „tipping Point“. Geopolitische Rahmenbedingungen verändern sich immer weiter und wirken sich auf die Geschäftsmodelle der US-Firmen aus. Der Marktmacht der großen US-Unternehmen kann leichter begegnet werden, wenn wir uns in Europa mehr auf gemeinsame Lösungen einigen, gemeinsam neue Lösungen entwickeln und Open Source stellen (Vibe Coding bietet hier z.B. neue Möglichkeiten), uns in die Community aktiv einbringen, um neue OSS-Lösungen zu schaffen, unsere Nachfrage mehr bündeln und uns zu Beginn auf weniger Anbieter fokussieren, um diese zu stärken.

Ein Marktanteil von. 30% für deutsche/europäische Anbieter könnte ein erster Meilenstein sein, den es zu erreichen gilt.

Perspektive: Europäische Cloud-Lösungen als eigenständige Alternative, nicht nur als Ergänzung.

Harald Joos (DRV Bund)

Harald Joos ist Cloudbeauftragter der Deutschen Rentenversicherung Bund.
Zuvor war er IT-Beauftragter der Bundesfinanzverwaltung und Leiter der Abteilung VI „Informationstechnik“ im Bundesministerium der Finanzen.
Sowie davor Chief Information Officer (CIO) des größten Deutschen Rentenversicherungsträgers, der Deutschen Rentenversicherung Bund. Während seiner mehr als 30-jährigen Berufserfahrung in der IT war er verantwortlich für die Leitung mehrerer Großprojekte und leitet u.a. das
Projekt „Cloud-Reallabor – sichere Verarbeitung in der Cloud“ auf dem
Campus von GovTech Deutschland.