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Nachrichten aus dem Coroninchenbau
2020-12-29, 18:00–18:40, rC1

Welche Lessons Learned können wir aus den den Strategien der extremen Rechten im Jahr 2020 ziehen – auch in Bezug auf die Mobilisierung der AfD zur Bundestagswahl?


Rechte Mobilisierung in Zeiten der Pandemie
Das Jahr 2020 waren umgerechnet sieben Rechtsextremismusexperinnenjahre. Die Mediale Diskurse drehten sich um Verschwörungsideologen auf Telegram, Mobilisierung gegen Maßnahmen zur Pandemieeindämmung auf der Straße, Reichstagstreppenwettläufe und Bürgerkriegsphantasien.

Auch wenn sich das Abheften derartiger Phänomene als "bedauerlicher Einzelfall" in so mancher Behörde in der Vergangenheit durchaus bewährt haben mag – Es ist wichtig all diese Phänomene als Teil einer gemeinsamen Strategie der extremen Rechten zu begreifen.

Auch Verschwörungsmythen sind nicht etwa mit Corona plötzlich aus dem Nichts gekommen, sondern schon lange ein elementarer Bestandteil rechtsextremer Weltbilder. Das Narrativ einer angeblichen großen Verschwörung erlaubt es nicht nur, sich selbst als "erleuchtete" Gruppe zu inszenieren, die einzig und allein den "Volkswillen" kenne und durchsetzen könne. Das Drohszenario einer angeblichen Herrschaft des Unrechts, wird auch dazu benutzt, Gewalt gegen Andersdenkende zu legitimieren. Dass Verschwörungsmythen eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung von Attentätern spielen dürfte nicht erst seit Hanau und Halle klar sein. Die Erzählung von einer großen Medienverschwörung immunisiert Anhänger schließlich höchst effektiv gegen Kritik von außen.

Das paradoxe an rechtsextremen Narrativen zu Corona ist, dass es sich hierbei um Geschichten handelt, in denen man sich zugleich als Held und Opfer sieht. Einerseits wird behauptet, "das Volk" stehe hinter einem und einige wenige gezielte Aktionen könnten den Funken für einen Bürgerkrieg entzünden. Andererseits wird das angebliche eigene Leid in der Coronazeit allen ernstes mit dem Holocausts und dem Schicksal von Anne Frank verglichen. Manch einer sieht seinen "Widerstand" gegen eine vermeintliche "Corona-Verschwörung" gar in der Tradition des Kampfes der Weißen Rose gegen den NS-Terror.

Die Debatte um die Rolle rechtsextremer Mobilisierung bei den verschwörungsideologischen Demos der letzten Monate zeigt vor allem: Das Bild dessen, was einen Rechtsradikale ausmacht, ist in weiten Teilen der Bevölkerung veraltet. Das Wissen darüber, wie die Szene auf Telegram, Twich, TikTok und Instagram agiert und wie rechtsextreme Mobilisierung funktioniert ist nicht weit verbreitet. Eine der Folgen der ständigen Fokussierung auf einzelne Ereignisse und Phänomene: Mithilfe koordinierter Aktionen können Rechtsextremisten regelmäßig mediale Diskurse kapern. Wie kann das für die Zukunft verhindert werden?

Karolin Schwarz und Katharina Nocun