»QGIS als Forschungswerkzeug in der Archäologie - Anwendungen bei der Mongolisch-Deutschen Orchon-Expedition«
2019-03-14, 10:00–10:30, Physik Z254

Im Rahmen der Mongolisch-Deutschen Orchon-Expedition wird QGIS als Standardwerkzeug für die Planung und Durchführung von Kampagnen eingesetzt. Im Besonderen soll die Befliegungskampagne im September 2018 vorgestellt werden, bei der innerhalb von nur 5 Tagen mehr als 50 Quadratkilometer aufgenommen und rekonstruiert wurden. Die Herausforderung der Logistik einer solchen Kampagne erfordert eine akurate Planung im Vorfeld und vor Ort. Die wichtige Rolle von QGIS wird gezeigt.

QGIS als Forschungswerkzug in der Archäologie - Anwendungen bei der Mongolisch-Deutschen Orchon-Expedition

Die Nomadenreiche der eurasischen Steppen nehmen eine herausragende Rolle in der eurasischen und damit auch in der Globalgeschichte ein. Die ausgedehnten Reiche hatten vielfältige Beziehungen zu benachbarten und weiter entfernten, sesshaften Kulturen des Kontinents. Austauschbeziehungen fanden zum Beispiel in den Bereichen Politik und Krieg, Handel, Religion, Wissen und schließlich durch Migration statt. [2, 6]. Das Verständnis dieser Austauschbeziehungen ermöglicht eine globalgeschichtliche Perspektive auf die vielfältigen Abhängigkeiten der Entwicklung menschlicher Gesellschaft, schon lange bevor das Wort "Globalisierung" geprägt wurde. Einige dieser Reiche hatten ihre wichtigsten urbanen Zentren in den Steppen der Äußeren Mongolei. Die Überreste solcher Ansiedlungen sind heute das Forschungsobjekt mongolischer und internationaler Forscher. An den Ruinen und archäologischen Hinterlassenschaften dieser Stätten werden Fragen zur Architektur, Stadtplanung, dem Wirtschafts- und Sozialleben, Fern- und Austauschbeziehungen und zur politischen Repräsentation erforscht [11, 1, 10, 7, 15].

Seit dem Jahr 1999 kooperiert das Deutsche Archäologische Institut mit der mongolischen Akademie der Wissenschaften und der Mongolischen Staatsuniversität bei der Erforschung der Mittelalterlichen Stadtanlagen von Karabalgasun und Karakorum im Orchontal in der Zentralmongolei [9, 11, 4, 5]. Beide waren zu ihrer jeweiligen Blütezeit die Hauptstädte eines Nomadenreiches in der Steppe, das enge Beziehungen zu den sesshaften Nachbarn und weitgespannte Austauschbeziehungen hatte. Karabalgasun wurde um das Jahr 745 gegründet und war das Zentrum des Uighurischen Reiches [13, 3, 11]. Nicht ganz vier Jahrhunderte später entstand nur etwa 35 Kilometer südlich der Ruinen von Karabalgasun die Hauptstadt des Mongolenreiches - Karakorum. Die um 1235 errichtete Stadt wurde für wenige Jahrzehnte das politische Zentrum der alten Welt [8, 14].

Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben die Stadtruinen des Orchontales (gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe) die Aufmerksamkeit der archäologischen Forschung angezogen. Mit den Mongolisch-Deutschen Expeditionen wurde ein neues Kapitel in diesen Forschungen aufgeschlagen. Die Stadtruinen beider Stadtanlagen wurden terrestrisch oder per Airborne-LiDaR vermessen, Surveys durchgeführt und umfassende archäologische Ausgrabungen unternommen. Dabei entstehen große Datenmengen, für deren Analyse und Dartstellung geeignete Werkzeuge benötigt werden. Archäologische Daten sind per se auch geographische Daten. Ein großer Teil archäologischer Arbeit beschäftigt sich mit der Verortung von Objekten in Raum und Zeit. Daher gewinnen Geoinformationsysteme in der Archäologie schon seit geraumer Zeit immer mehr Bedeutung. Im Rahmen der Mongolisch-Deutschen Orchon-Expedition kommen QGIS und zugehörige Plugins in vielfältiger Weise zum Einsatz: Satellitenfernerkundung Kartierung von Fundstellen in der Landschaft des Orchontales aus unterschiedlichen Quellen Analyse und Visualisierung von Ausgrabungsergebnissen Planung, Durchführung und Aufbereitung von hochauflösenden Geländesurveys mittels automatisierten Multicoptern [16] (siehe Abb. 1) Der vorgeschlagenen Beitrag wird die Anwendung von QGIS und anderen open source tools innerhalb des Projektes vorstellen und einen Ausblick auf zukünftige Planungen und Projekte geben.

Literaturquellen [1] Arden-Wong L.: The Architectural Relationship between Tang and Eastern Uighur Imperial Cities, in: Rajkai Z., Bellér-Hann I. (Hrsg.), Frontiers and Boundaries. Encounters on China's Margins, Asiatische Forschungen 156 (Wiesbaden 2012), pp. 11–47 [2] Allsen T. T.: Mongols as Vectors for Cultural Transmission, in: Di Cosmo N., Frank A. J., Golden P. B. (Hrsg.), The Cambridge History of Inner Asia. The Chinggisid Age (Cambridge 2009), pp. 135–154 [3] Barfield T. J.: The Perilous Frontier. Nomadic Empires and China (Cambridge, Massachusetts 1989) [4] Dähne B.: Karabalgasun - Stadt der Nomaden. Die archäologischen Ausgrabungen in der früh-uigurischen Hauptstadt 2009-2011, Forschungen zur Archäologie Außereuropäischer Kulturen 14 (Wiesbaden 2017) [5] Franken C., Erdenebat U., Rohland H.: Aktuelle Ergebnisse der archäologischen Forschungen in den spätnomadischen Stadtanlagen Karabalgasun und Karakorum im mongolischen Orchontal, Zeitschrift für Archäologie Außereuropäischer Kulturen 7, 2017, pp. 385–408 [6] Franken C., Rohland H.: Globalisierung in der Vormoderne. Nomadenreiche als „world system“, Mitteilungen der Deutschen Gesesllschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 30, 2017, pp. 41–58 [7] Honeychurch W., Amartuvshin C.: Hinterlands, Urban Centres, and Mobile Settings. The „New” Old World Archaeology from the Eurasian Steppe, Asian Perspectives 46, 2007, 36–64 [8] Hüttel H.-G.: Karakorum. Eine historische Skizze, in: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen (München 2005), pp. 133–137. [9] Hüttel H.-G.: MDKE. Die Mongolisch-Deutsche Karakorum-Expedition, in: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen (München 2005), pp. 138 f. [10] Hüttel H.-G.: Die Stadt als Herrschaftssymol. Beispiel Karakorum, in: Walravens, Hartmut, Müller, Claudius (Hrsg.), Status und Symbol. Insignien und Herrschaftstraditionen asiatischer Steppenvölker und ihrer Nachbarn. Vorträge auf dem Mongolen-Symposium in München 2006, Neuerwerbungen der Ostasienabteilung 46 (Berlin 2016), pp. 63–82. [11] Hüttel H.-G., Erdenebat U.: Karabalgasun und Karakorum. Zwei spätnomadische Stadtsiedlungen im Orchon-Tal: Ausgrabungen und Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften 2000-2009. Ulaanbaatar, 2009 [12] H.-G. Hüttel, Berichte für die Jahre 2007-2008 der Projekte der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts. Ausgrabungen und Forschungen des DAI und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften im Orchon-Tal, Mongolei, 2007-2008, Zeitschrift für Archäologie Außereuropäischer Kulturen 3, 2010, 279–296 [13] Mackerras C.: The Uighur empire according to the T'ang dynastic histories : a study in Sino-Uighur relations 744-840, (Canberra 1972), http://press.anu.edu.au/node/3129 [14] Sagaster K.: Die mongolische Hauptstadt Karakorum, Beiträge zur Allgemeinen und verglei-chenden Archäologie 19, 1999, pp. 113–125 [15] Waugh D. C.: Nomads and Settlement. New Perspectives in the Archaeology of Mongolia, The Silk Road 8, 2010, pp. 97–124 [16] Block M., Franken C., Rohland H., Haferland A, Gehmlich B., Görsch N., Bochmann H.: "Docu-menting more than 5000 ha in Mongolia in five days using low-cost drones", Congress Visual Heritage, 23th Conference on Cultural Heritage and New Technologies (CHNT 23) in Vienna/Austria