Grenzkrisen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Zur Genese und Krise der bürgerlichen Gesellschaft bei Reinhart Koselleck und Jürgen Habermas
2019-09-22, 09:30–10:15, GD 04/620

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Angesichts von Trolls und Bots in den sozialen Medien oder dem Vorwurf der Fake News bzw. Lügenpresse gegenüber den traditionellen Medien, gerät das Grundvertrauen auf die legitimierenden und mediatisierenden Effekte der demokratischen Öffentlichkeit ins Wanken. Stimmen werden laut, denen zu Folge die Öffentlichkeit ihren demokratischen Funktionen nicht mehr genügt.

Einen solchen Zerfall der Öffentlichkeit hatte Jürgen Habermas bereits 1962 in seiner Studie zum "Strukturwandel der Öffentlichkeit" konstatiert. Habermas verband mit seinen "Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft" – wie seine Arbeit im Untertitel heißt – die Intention »unsere eigene Gesellschaft von einer ihren zentralen Kategorien her systematisch in den Grif zu bekommen« (Habermas). Einst entstand die bürgerliche Demokratie aus der Abgrenzung von politischer Öffentlichkeit und bürgerlicher Privatsphäre. Für Habermas stellt der Zerfall selbiger, ein Resultat der Aufweichungen dieser Grenzen dar.

Dass die Diagnose einer Krise der Öffentlichkeit und einer Krise der Demokratie vor dem Hintergrund (neu)rechter Bewegungen in Deutschland und überall auf der Welt große Evidenz besitzt, lässt sich nicht leugnen. Die Krise der Öffentlichkeit und die Krise der Demokratie müssen dabei allerdings nicht notwendigerweise als Zerfall der Öffentlichkeit oder Zerfall der Demokratie begriffen werden. In seiner 1954 vorgelegten Dissertation mit dem Titel "Kritik und Krise", die in der Buchausgabe von 1959 den Untertitel "Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt" trägt, untersucht Reinhart Koselleck – wie Habermas – die Genese der bürgerlichen Gesellschaft und die Herausbildung der bürgerlichen Demokratie und betont dabei ebenfalls den Zusammenhang von bürgerlicher Gesellschaft und Öffentlichkeit. Allerdings begreift er die Entwicklung derselben als Perpetuieren einer Krise und damit Öffentlichkeit und bürgerliche Demokratie als genuin krisenhaft. Diese Krisenhaftigkeit werde durch die bürgerliche Demokratie jedoch verdeckt.

Beide Untersuchungen gelten als ›Klassiker‹ der Forschung zur Frühen Neuzeit und der Theorie bürgerlicher Demokratie. Wie Habermas und Koselleck bezüglich desselben Gegenstandes und im Rückgriff auf dasselbe sozio–historische Material zu so entgegengesetzten Einschätzungen kommen, soll mein Vortrag zeigen. Dabei will ich demonstrieren, dass die Hoffnung, die Habermas mit der bürgerlichen Öffentlichkeit verbindet, daran zuschanden geht, dass die Krise in welche selbige gerät, sich als eben jene Krise begreifen lässt, in der Koselleck die bürgerliche Gesellschaft immer schon befasst sieht. Mit Habermas lässt sich dann allerdings gegen Koselleck einwenden, dass dessen Erklärung der Krise zu kurz greift. Als Lösung des Gegensatzes kommt in den Blick, in der wechselseitigen Kritik beider über beide hinauszugehen.