Keynote: Vor der Grenze ist nach der Grenze. Territoriale und symbolische Grenzziehungen als Bausteine einer Soziologie der Grenze
2019-09-20, 13:00–14:30, HGD 20

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Grenzenlos zu leben, zu reisen, zu arbeiten, einzukaufen, mit Freunden wie auch Fremden in aller Welt zu kommunizieren und über grenzübergreifende Medien zu informieren sind heute für viele Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden. Gleichzeitig lassen sich ein Wiedererstarken alter, oft fast vergessener Grenzen und die Entstehung neuer Mauern und Zäune fast täglich und weltweit beobachten. Darüber hinaus haben sich Grenzen in Räumen jenseits der staatlichen Ränder verschoben, insbesondere in Herkunfts- und Transitländer von Migrant*innen. Auch digitiale Infrastrukturen und eine Vielzahl von Akteuren tragen zu tiefgreifenden Transformationen der Grenze bei.

Border studies haben sich mittlerweile als ein interdisziplinäres Feld konstitutiert, in dem nicht nur die Transformation der Grenze, sondern auch unser Verständnis und die theoretische Konzipierung der Grenze selbst verhandelt werden. Zunehmend wird hier Grenze nicht mehr (nur) als physische Markierungsline, sondern (auch) als Repräsentation, Institution, Diskurs und Praxis betrachtet. Parallel dazu und bislang mit wenig Berührungspunkten werden vor allem in der Soziologie die Debatten um Segregation, soziale Ausgrenzung und Exklusion, soziale Ungleichheiten und boundary(-making) geführt. Damit scheint sich eine gewisse Arbeitsteilung in der Beforschung einerseits der Situationen vor und an der ‚klassischen‘ Grenze, für die der Nationalstaat eine zentrale Rolle spielt, und andererseits der Situationen nach oder hinter der Grenze, in Städten und seitens von lokalen Verwaltungen, privaten Akteure oder Nachbarn, zu etablieren.

Diese Aspekte der Grenze sind allerdings eng miteinander verwoben, wie dieser Vortrag zeigen will. Der Vortrag plädiert dafür, die beiden Konzepte border und boundary und die damit beschriebenen territorialen, institutionellen, sozialen und symbolischen Grenzziehungsprozesse zusammenzudenken. Mit diesem Ziel nähert sich der Vortrag der Grenze aus drei mit einander verknüpften Blickrichtungen, nämlich mit Blick auf a) die räumlichen Ebenen und Orte, die Grenzen und Grenzübertritte lokalisieren; b) die sozialen Kategorien, entlang derer Grenzen gezogen werden; und c) die Vielzahl der involvierten Akteure. Eine solche Betrachtung erlaubt es, das Konzept der Grenze zu „de-naturalisieren“ und das etablierte Verhältnis von Migration und Grenze als quasi-natürlichem Ausschluss von Nicht-Mitgliedern und Fremden kritisch zu hinterfragen.