Leben im Bruch. Über soziologische Kritik als Grenzarbeit
2019-09-21, 09:30–10:15, GD 04/620

Der Vortrag zielt darauf ab, den Begriff der Kritik so zu entwickeln, dass sie sich an der Grenze zwischen Affirmation und Negation bildet.


In seinem 1937 erschienenen Text „Traditionelle und kritische Theorie“ entwickelt Max Horkheimer Argumente für eine kritische Gesellschaftstheorie, die es im Gegensatz zur traditionellen Theorie erlaubt, soziale Verhältnisse dafür zu kritisieren, was sie nicht sind. Die Skepsis gegenüber der traditionellen Theorie begründet sich vor allem im Vorwurf, die Phänomene der Welt naiv als gegeben hinzunehmen, als unterlägen sie keiner eigenen Geschichte und seien bloße Fakten, die keine Alternative zuließen. Diese der Naturwissenschaft, aber auch Teilen der Soziologie innewohnende Betrachtung trifft das Wesen sozialer Verhältnisse nicht. Bei ihnen kommt es darauf an, ihren Missstand nicht nur zu beklagen, sondern sie auf ihre strittige Normalität hin zu befragen.

Kritik meint im wörtlichen Sinne so viel wie scheiden/unterscheiden. Kritisches Denken versetzt das, worauf sich die Kritik bezieht, in eine Differenz zu etwas Anderem. Es ist die Freiheit, anders zu denken, als es geboten scheint und zugleich die Geburtsstätte der kritischen Theorie: „Das Bornierte wird von Theorie vertreten. Trotz all ihrer Unfreiheit ist sie im Unfreien Statthalter der Freiheit.“, schreibt Adorno. Die Freiheit, auf Distanz zu dem, was ist, zu gehen, begründet das Wesen eines kritischen Denkens im Unterschied zur Erkenntnis. Kritik ist nicht zunächst die Frage nach der Vermittlung und Versöhnung sozialer Verhältnisse, sondern ein Bruch mit ihnen. Die Bruchlinie markiert die andere Seite, sie ist gewissermaßen das dialektische Moment, das es ermöglicht, über Unvernunft statt Vernunft, Gefangenschaft statt Freiheit, Dissens statt Konsens oder Differenz statt Versöhnung nachzudenken.

Meine These in diesem Beitrag ist es, dass die Soziologie immer genau dann stark ist, wenn sie einen freundlich–verfremdenden Blick eröffnet. Durch die dann ermöglichte andere Perspektive ist es nicht nur möglich, abzuklären, statt direkt aufzuklären, sondern ebenso eine gewisse Widerständigkeit einzuüben gegenüber einer voreiligen Affirmation des Gegebenen. Es gilt also, es nicht besser zu wissen, sondern anders aufzuspüren, damit neue Perspektiven anzubieten und darüber mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen. Zur Aufgabe der Soziologie würde somit zuallererst die Frage gehören: Und wenn es nun doch alles ganz anders ist?