„Visual Kei steht dafür, dass man alles darf“ - Geschlechtermuster im Spannungsfeld zwischen Szene–Innen und –Außen
2019-09-21, 09:30–10:15, GD 04/520

Szenen werden für die Geschlechterforschung insofern interessant, als dass diese einen sozialen Raum bieten, in dem Männlichkeits– und Weiblichkeitsmuster implizit oder explizit thematisiert, hinterfragt und ausgehandelt werden können. Der Beitrag widmet sich der Frage nach der (Nicht-) Bedeutsamkeit von Geschlechtermustern im Visual Kei und dem damit einhergehenden, wenn auch nicht intendierten, Tabubruch für Außenstehende.


Die Gegenwartsgesellschaft ist gekennzeichnet durch Modernisierungs– und insbesondere Individualisierungs–, Pluralisierungs– und Multioptionalisierungsprozesse. Szenen werden vor diesem Hintergrund im Anschluss an Ronald Hitzler und Arne Niederbacher als eine prototypische Form posttraditionaler Vergemeinschaftung verstanden, bei der das verbindende Element ein gemeinsam geteiltes Interesse, Wissen, Engagement etc. ist, d.h. in Szenen treffen sich Gleichgesinnte. Szenen werden für die Geschlechterforschung insofern interessant, als dass diese einen sozialen Raum bieten, in dem Männlichkeits- und Weiblichkeitsmuster implizit oder explizit thematisiert, hinterfragt und ausgehandelt werden können. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern bestehende Muster reproduziert oder Geschlechtergrenzen transzendiert werden.

Visual Kei ist eine dieser Szenen, deren Ursprung in Japan liegt und die seit fast zwei Jahrzehnten auch in Deutschland existiert. Der Begriff Visual Kei ist ein zusammengesetzter Begriff aus dem englischen ‚Visual‘ und dem japanischen ‚Kei‘ und meint sinngemäß optische Herkunft oder optische Art. Für Visual Kei ist das gemeinsam geteilte Interesse der Bezug zu japanischen (Rock-) Musikern bzw. Bands und im Besonderen die durch diese Personen(-gruppen) inspirierte Selbststilisierung der Szenegängerinnen und Szenegänger. Eine Rolle spielt dabei das Transzendieren von Geschlechtermustern in Handlungsmustern und Ausdrucksformen, also androgyne Darstellungen.

Der Vortrag rekonstruiert ausgehend von dem DFG–Forschungsprojekt „Szenen – Ein prototypisches Feld zur (Neu-) Verhandlung von Geschlechterarrangements“, anhand von Gruppendiskussionen und dokumentierten Feldaufenthalten, die in der Szene ausgehandelten und sich im Aushandlungsprozess befindlichen Geschlechtermuster.

Der Beitrag widmet sich der Frage nach der (Nicht-) Bedeutsamkeit von Geschlechtermustern im Visual Kei und dem damit einhergehenden, wenn auch nicht intendierten, Tabubruch für Außenstehende. Dieser begründet sich in dem visuell wahrnehmbaren Verschwimmen von (typischen) Geschlechterarrangements. Worin besteht die vom Visual Kei angestrebte Transzendenz der bipolaren Geschlechterordnung? Wie (re-) agieren Außenstehende auf das Verschwimmen von ‚typischen‘ Geschlechtermustern?

Die Visual Kei Szene dient in diesem Zusammenhang als ideeller und buchstäblicher Schutzraum, in dem Geschlechtermuster – geschützt vor einem als gefährlich verstandenen Szene–Außen – ausprobiert werden können.