Aktualisierung der Kategorie 'Geistige Behinderung' im Feld der Leichten Sprache
2019-09-22, 10:15–11:00, HGD 20

Im Vortrag wird "geistige Behinderung" als sozial hergestellte Kategorie in den Blick genommen. Das Feld der "Leichten Sprache" - ein Konzept barrierefreier Kommunikation - wird hierfür als Untersuchungsort gewählt. Die konkreten sprachlichen und performativen Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache werden in den Blick genommen, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ geistiger Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen und auf welche im Feld zurückgegriffen wird.


„Leichte Sprache“ ist ein Konzept zur Vereinfachung von Sprache, das intendiert, barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Hierzu wird ein Regelkatalog verwendet, der die Übersetzungsregeln von Standard- in Leichte Sprache festlegt.

Seine Ursprünge hat das Konzept der Leichten Sprache innerhalb der Selbstvertreter*innenbewegung von "Menschen mit Lernschwierigkeiten", die gemeinhin als Menschen mit „geistiger Behinderung“ etikettiert und auch als deren primäre Anspruchsgruppe benannt werden.

Der alltagsweltlich verwendete Begriff der „geistigen Behinderung“ ist sehr unscharf, hat aber radikale Konsequenzen für die so bezeichneten Subjekte. Klassifikationen zur Diagnose variieren über Zeit und nationale Grenzen, sorgen aber recht zuverlässig für die Zuweisung der so Diagnostizierten in ein "Sondersystem".

In meiner Arbeit, die im Rahmen meiner Masterarbeit an der Uni Heidelberg entsteht, schließe ich mich der Perspektive der interdisziplinär angelegten Disability Studies an, wonach es sich bei „Behinderung“ um eine sozial konstruierte Kategorie, ein Ergebnis sozialer und kultureller Ausschließungs-, Grenzziehungs- und Unterdrückungsmechanismen und eben nicht Ausdruck medizinischer Pathologie handelt (vgl. Waldschmidt 2005). Innerhalb den Disability Studies lässt sich ein Fokus auf die Herstellung von Behinderung in Bezug auf körperliche Normabweichungen feststellen, in meiner Masterarbeit möchte ich mich jedoch dem Phänomen der Herstellung von "geistiger Behinderung" nähern.

Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, welches „Bild“, welche latenten Vorstellungen im Feld der Leichten Sprache über die Zielgruppe der Menschen mit „geistiger Behinderung“ (re–)produziert werden, um Leichte Sprache für die Anspruchsgruppe machen zu können - einer Zielgruppe, die sich durch eine Kategorie manifestiert, die so unscharf ist, dass sie theoretisch nur wenig Orientierungswissen bieten kann. Welche Fähigkeitsgrenzen und Einschränkungen, welche Bedarfe und Interessen werden von den Übersetzenden implizit mitgedacht, wenn überlegt wird, welche Texte wie übersetzt werden sollen? Welche Merkmale werden für die Zuschreibung „geistig behindert“ relevant gemacht? Wie und wo werden die Grenzen dieser Kategorie gezogen? Um mich diesen Fragen anzunähern, möchte ich konkrete Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache in den Blick nehmen und beschreiben, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ von Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen.

Mit praxistheoretischer Brille also soll der Fokus auf die Herstellung, Aufrechterhaltung, Irrelevantmachung und Ausfüllung der diffusen Kategorie „geistige Behinderung“ durch sprachliche und performative Praktiken gelegt werden. Dieser Vorgehensweise liegt die Annahme zugrunde, dass Praktiken implizites Wissen zugrunde liegt. Dieses implizite Wissen möchte ich explizit machen, um an ein tieferliegendes „Bild“ von geistiger Behinderung zu gelangen, auf welches im Feld der Leichten Sprache zurückgegriffen wird.

Warum ich mich mit dem Phänomen "geistige Behinderung" beschäftige

Anfang diesen Jahres diskutierte der Deutsche Bundestag über die Frage, ob der nichtinvasive Pränataltest zur Feststellung einer Trisomie 21 in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden soll - mit diesem können schwangere Menschen ihren Embryo auf das „Down Syndrom“ testen lassen. Dass es hier nicht allein um krankenkassenbezogene Gelderverteilung geht, sondern komplexe ethische Fragen tangiert werden „sieht ein Blinder mit dem Krückstock“.
Durch die rasante (bio-)technologische Entwicklung, deren Beginne bereits jetzt in der Diskussion um die Verwendung der CRISPR/Cas9 „Genschere“ angedeutet sind, werden wir als Gesellschaft zukünftig verstärkt vor komplexe, bioethische Entscheidungen gestellt sein, in denen nicht weniger zur Verhandlung steht als die Frage, was in unserer gegenwärtigen Gesellschaft als wertvolles, lebenswertes Leben erachtet wird.
Ich möchte mit meiner Forschung zur Konstruktion „geistiger Behinderung“ mit dazu beitragen, dass in dieser Debatte nicht nur humanmedizinische oder naturwissenschaftliche Argumente ihren Platz finden.
Wenn das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik „geistige Behinderung“ als das „größte ungelöste Problem der medizinischen Genetik“ versteht, muss die Soziologie nachvollziehbar machen, dass als von der Normalität abweichend konstruierte Kategorien wie „geistige Behinderung“ keine objektiven medizinischen Pathologien, sondern gesellschaftlich hervorgebracht und damit kontingent sind.
Dazu brauchen wir Wissen darüber, wie unsere Vorstellungen von Normalität und unsere Zuschreibung von Wertigkeit zu bestimmten Merkmalsausprägungen funktioniert. Ich möchte verstehen, wie es dazu kommt, dass bestimmte Merkmalskombinationen als „behindert“ kategorisiert werden, während andere von der „Durschnittssnorm“ abweichende Merkmale für solche Konstruktionen nicht relevant gemacht werden. Nur wenn wir verstehen, auf welchen Prämissen unsere Konstruktionen gründen, können wir uns so komplexen bioethischen Fragen stellen.
Woher kommen unsere Ideen davon, welche (Un-)Fähigkeiten für ein gelingendes Leben wichtig sind? Wie werden diese Grenzziehungen zwischen Norm und Abnorm argumentativ aufrechterhalten? Solche sich durch soziologische Forschungen ergebende Fragen sagen uns viel über die Denkmuster, Machtstrukturen oder Wissensgenerierung der Gesamtgesellschaft. Damit ist die Betrachtung des komplexen Phänomens Behinderung über die Beantwortung bioethischer Fragen hinaus? für die Soziologie höchst interessant - und doch konnte sich noch keine dezidierte „Soziologie der Behinderung“ etablieren.
Aus der Gruppe der Menschen, die „mit einer Behinderung“ leben, hat sich die Forschungsrichtung der Disability Studies gebildet, die sich dem Komplex „Behinderung“ interdisziplinär aus dekonstruktiven Perspektiven annehmen, deren Forschungscommunity bis auf das Wirken einzelner Autorinnen im deutschsprachigen Raum jedoch noch im Aufbau ist. Gerne möchte ich den soziologischen Strang dieser Bewegung stärken.
Ich interessiere mich dabei vor allem für die Konstruktion von „geistiger Behinderung“. Die Denkfigur des sozialen Modells von Behinderung, dass nicht der Mensch im Rollstuhl, sondern die Treppe im Komplex „Behinderung“ das Problem darstellt, ist einfach nachzuvollziehen. Wie schafft es Wissenschaft, diese Denkfigur zu vollziehen, wenn im Komplex „geistige Behinderung“ Kernwerte wie Intelligenz und kognitive Leistungsfähigkeit die metaphorische Treppe darstellen?